27. Oktober 2026
Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei – aber die Liebe ist die größte unter ihnen.
Liebe Trauergemeinde, schaut euch an und lächelt euch an – wir alle liebten S. seit vielen Jahren. S. liebte jeden von uns, bis zu ihrem Tod. In diesem Sinn bin ich der jüngste hier im Kreis. Im Rückblick auf das, was ich von ihrem Leben weiß gingen meine Gedanken zum Fischer Petrus vom See Genezareth. Petrus war ein Fischer, der durch seinen Fischfang ein kleines, unregelmäßiges Einkommen erzielte. An einem Morgen mit wieder mal schlechtem Fangergebnis rief Jesus ihm zu: fahre auf den See bis zum Horizont und werfe dein Netz noch einmal aus. Petrus tat wie ihm gesagt wurde. Diesmal war der Fischzug erfolgreich, über alle Maßen erfolgreich. Der gewaltige Fang würde seine materielle Existenz für lange Zeit sichern.
Bekanntlich nimmt die Geschichte eine überraschende Wendung: Jesus ruft dem Petrus zu: lass deine Arbeit zurück, lass Beruf und Heimat zurück. Ab jetzt sollst du Menschen fischen, sollst du den Menschen die Botschaft der Liebe bringen.
Liebe Anwesenden, für mich wirft diese Geschichte aus dem Lukas-Evangelium einen guten Blick auf ihr Leben. Mit zwanzig Jahren geht unsere S. dem täglichen Handwerk Reisen nach. Sie selbst reist herum oder mit ihren Eltern; kleine Reisen, kleiner Fischfang.
Eines Tages erklingt eine Stimme: gehe hinaus über den großen Ozean und wirf in der Ferne deine Netze aus. Und wie in der Geschichte vom See Genezareth, der Fischfang war extrem groß, zusammen mit ihrem Ehemann war sie über alle Maßen erfolgreich. Auch ihr Wunsch nach zwei eigenen Töchtern erfüllte sich.
Doch die Zeiten änderten sich und die Situation mit ihnen. Dreißig Jahre später waren Sturm und Wellen unerträglich geworden. Und wieder erklang eine Stimme. Lass deinen Beruf und deine neue Heimat zurück. Folge einem neuen Weg. Nimm das Netz der Liebe und fische Menschen.
Sie wendet sich vom Ort des materiellen Erfolges ab und zieht wieder nach Hamburg. Und die Liebe zieht mit ihr. Da ist zuerst die Liebe zu ihren beiden Töchtern. Und dann die längste Liebe ihres Lebens, die Liebe zu ihren Eltern. Neu hinzu kamen zuerst die Liebe zum Ballett und zu Neumeiers Ballettschule und danach Nico, den sie oft ihren Therapiehund nannte. Als sich in Hamburg die Ära Neumeier ihrem Ende zuneigte begegneten wir uns. Wir beiden erlebten eine junge und erfrischenden Liebe. Nur in den ersten Wochen blieb unsere Liebe hinter einer Corona-Maske versteckt, dann zeigten wir sie jahrelang. In den letzten Monaten versteckten wir uns wiederum hinter einer FSP2-Maske in der Klinik. Doch ob mit oder ohne Maske, unsere Herzen sahen sich in diesen Jahren immer.
Ich bin glücklich über die Jahre an ihrer Seite. Jetzt, hier am Grab, bin ich dankbar für das Glück der Verlängerung. Nach der schrecklichen Diagnose Anfang 2025 wurden uns weitere zwanzig Monate gewährt, zwanzig Monate, in denen wir gemeinsam intensiv gelebt haben. – Unser Pastor kennt Einzelheiten. Ich bin dankbar über den Platz an ihrer Seite, über ihren Tod hinaus.
Schaut euch noch einmal um. Wir alle hier sind Fische im Netz der Liebe.
Leb wohl S.
My love is stronger than your fear
sehr getragen

